Leseprobe aus: "Weißt du noch"

Leseprobe aus: "Ich Faust". Eine Interviewepisode mit Thomas Thieme
Leseprobe aus: "Hanoi - Berlin - Nha Trang". Eine vietnamesische Großfamilie Leseprobe aus: "Dinge, die wir vermissen werden". Das Leibchen
Leseprobe aus: "Begegnung mit einer Prinzessin". Die Urgroßmutter Fotoserie mit Musik: Vietnam, eine Reise ins Land der tausend Farben
Videobeitrag: Iris Berben und Marek Harloff lesen zur Buchpremiere aus "Ich Faust". Videobeitrag: Frank Quilitzsch liest aus: "Weißt du noch?"

 

(aus: Weisst du noch?)

Langspielplatten haben immer zwei Seiten und den Verliebten stets Probleme gebracht. Man saß umschlungen auf der Couch, rutschte, von einer Flasche Tokayer oder Bärenblut beschwipst, allmählich in die Horizontale und ratsch und knack! – war die Platte zu Ende. Es half nichts, um der Fortsetzung willen mußte man sich hochquälen, sich zum Plattenspieler bewegen, die Scheibe umdrehen – wobei das Loch bei Kerzenschein nicht leicht zu finden war – und den Tonarm wieder in die Startposition rücken. Meist wußte ich schon vorher, daß die Scheibe gleich zu Ende war, und wurde nervös. Hatte die Platte einen Sprung, hakte die Nadel auf der Stelle, und die Stimmung ging erst recht flöten. Es kam vor, daß man splitternackt aus dem Bett hechtete, nur um rechtzeitig die Platte umzudrehen. „Genug ist nicht genug“ von Konstantin Wecker oder Wenzels „Stirb mit mir ein Stück“. In mancher Nacht sind wir zwanzig Tode gestorben, nur um den Plattenteller am Drehen zu halten. Vermutlich wurden durch die Schallplatte mehr Kinder verhütet als durch die Pille. Heute lieben wir im musikalischen Dauerbetrieb, einarmig, mit der Fernbedienung in der Hand. Oder nach dem Repeat- und Random-Prinzip. Improvisation und Opferbereitschaft sind kaum noch gefragt. Wenn man früher zu einer Freundin sagte: „Komm mit, ich zeige dir meine Plattensammlung!“, war klar, daß die Nacht darüber vergehen würde…

Zu meiner Schreibmaschine hatte ich noch eine persönliche, geradezu private Bindung, nennen wir es ruhig ein Verhältnis. Schon sie auszupacken und betriebsbereit zu machen, war eine intime Handlung: Öffnen des Koffers, Abnehmen des Überzugs, Bewegungssperre lösen, Blatt einspannen, gegebenenfalls weitere Blätter sowie Blaupause oder Kohlepapier unterlegen für die Durchschläge. Durch-Schläge! Verzeih, meine Liebe, diesen harschen Ausdruck, aber du verlangtest einen harten Anschlag.
Von wegen platonische Angelegenheit! Beim Essen und beim Sex, so lehrte mich ein Philosoph, muß der Mensch schwitzen. Auch beim Maschineschreiben, wage ich zu ergänzen. Ich rieche noch den Angstschweiß, der mir aus allen Poren brach, wenn die Ideen versiegten. Manchmal schüttelte mich auch heiße Wut. Ach, Erika, warum soll ich es verschweigen: Fast immer klemmten ein paar deiner Tasten, deine Typen verfetteten, verdreckten und klebten aneinander. Oft mußte ich mitten im Schreibfluß innehalten und das zum „o“ gefüllte „e“ wieder sauberkratzen; oder es waren die verschmutzten „n“ und „m“ nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Am besten eignete sich zur Typenreinigung eine auseinandergebogene Büroklammer. Bei hartnäckigeren Verkrustungen nahm ich eine Zahnbürste zu Hilfe. Von Zeit zu Zeit fiel eine deiner Tasten ab und mußte angeleimt werden. Und nach jedem Wechsel des Farbbandes zeigten sich häßliche Fingerabdrücke auf dem weißen Papier. Niemand ist perfekt. Hatte ich mich vertippt, konnten nur eine Rasierklinge oder ein Hartradiergummi aus der Patsche helfen; später habe ich solch ein Malheur mit stinkendem Tipp-Ex übertüncht. Über ein eigenes Korrekturband verfügte meine Erika noch nicht. Häuften sich die Fehler, mußte ein neues Blatt her – viele Versuche, volle Papierkörbe. Doch welch beflügelndes, rhythmisches Geklapper, wenn die Gedanken galoppierten! Die Maschine ratterte und klingelte fröhlich am Zeilenende, und die Walze schnarrte beim Zeilensprung. Freilich war das nur Musik in meinen Ohren, keineswegs in den Ohren meiner Frau oder denen unserer Wohnungsnachbarn.

Der Dreieckbadehose war nur ein kurzes Leben beschieden. Sie war eine reine Jungen- und Männersache. Von einem Tag zum andern rannten alle Mitschüler beim Baden damit herum, also mußte auch ich mir eine besorgen. Meine war schwarz mit weißem Streifen. Zog ich sie aus der Tasche, ähnelte sie einem aus der Form gegangenen Büstenhalter. Aber sie galt als schick und männlich und zeigte viel von den Pobacken. Vor allem war sie pflegeleicht und praktisch. Die Dreiecksbadehose wurde einfach am linken Bein hinauf und in die Turnhose hinein gezogen, dort drehte und wurschtelte man so lange, bis man die losen Bändchen zwischen den Fingern hatte, die schließlich an der rechten Hüfte miteinander verknüpft wurden. Ruckedizuck – war alles ordnungsgemäß verstaut, konnte man die Turnhose fallen lassen. Gab es nur schwarze oder nicht auch grüne, blaue, rote und sogar weiße Modelle? Wie viele Streifen hatte die Dreiecksbadehose? Wurde sie nicht auch geknöpft? Und haben wir, um auf Nummer sicher zu gehen, wirklich eine Doppelschleife gemacht? Die Rätsel um das Bermuda-Dreieck lassen sich heute kaum noch aufklären. In gewisser Hinsicht hat die Dreiecksbadehose auch Entwicklungshilfe geleistet. Entscheidend war nämlich der Vorsprung, den sie uns Jungs nach dem Baden verschaffte. Wir brauchten kein Gebüsch zu suchen, hatten keine Umkleidekabine und kein Badetuch nötig. Das unter der Turnhose weggezogene und ausgewrungene Textil in der Hand, konnten wir gelassen zuschauen, wie sich die Mädchen mit ihren Baderüstungen abmühten. Wie sie erst zaghaft die Träger von den Schultern schoben. Dann das T-Shirt überstreiften und glatt zogen, damit der Po bedeckt blieb. Und wie sie schließlich, ein Handtuch oder den Pullover um die Hüften geknotet, unter Verrenkungen den nassen Badeanzug langsam nach unten abrollten. Heikel wurde es beim Aussteigen. Die storchbeinige Martina fiel einmal der Länge nach hin. Ein andermal öffnete ein Windstoß Evis himmelblauen Bademantel und ließ einen rosa Slip und weiter oben zwei Knospen sehen. Der kleine Sommer rief: „Mann, hat die Knollen!“ Freilich ahnten wir, daß im Bermuda-Dreieck nicht nur Schiffe versanken und Flugzeuge verschwanden. Frühmorgens standen wir vorm Spiegel und betrachteten voll Ungeduld den Flaum auf der Oberlippe. „Die Lehmann“, berichtete der kleine Sommer, „hat schon Haare, ich meine unten.“ Woher wußte er das? Bei der dicken Manuela, die wir Riesenbaby nannten, konnte man es beim Turnen sehen. Einmal verschwand Manuela tränenüberströmt im Umkleideraum und wurde heimgeschickt. Am Ende der Unterrichtsstunde nahm uns der Sportlehrer zusammen und appellierte an unsere Reife: „Wie ihr wißt, ist die Menstruation ein ganz natürlicher Vorgang ...“ Die Mädchen wurden rot, wir Jungs nickten beflissen. Wir waren aufgeklärt, doch was wußten wir schon. Wir standen am Beginn einer Entdeckungsreise.

 

Beatles oder Stones, das war hier die Frage!
(Aus: Thomas Thieme – Ich Faust)

Herr Thieme, lassen Sie uns mal kurz über Ihre Herkunft reden. Sie sind in Weimar geboren und in der DDR groß geworden. Was haben die Eltern ihrem Thomas mit auf den Weg gegeben?
Mein Vater wollte auf keinen Fall, dass ich Schauspieler werde. Er ist gestorben, als ich neunzehn war, noch bevor eine Entscheidung über den Beruf gefallen war. Und meine Mutter - wie heißt es bei Goethe: Vom Mütterchen die Frohnatur, vom Väterchen den strengen Sinn oder so ähnlich... Meine Mutter hat die Entscheidung toll gefunden.

War sie bei den Theaterpremieren immer dabei?
So lange es ging, habe ich sie eingeladen. 1987 hat sie einen Schlaganfall bekommen und war noch fünf Jahre im Pflegeheim. Da konnte sie dann nicht mehr teilnehmen. Meine späteren Auftritte, als es so richtig losging, hat sie leider nicht mehr erlebt.

1987 waren Sie doch schon im Westen.
Seit drei Jahren.

Ist Ihre Mutter nach Frankfurt am Main gefahren?
Zweimal im Jahr. Sie war ja Rentnerin. Dort hat sie auch der Schlag getroffen, das hing aber nicht mit meiner Schauspielerei zusammen. Dass es in Frankfurt passiert ist, war sogar ein Glück, denn es hat ihr das Leben gerettet. Meine Mutter lebte allein in Weimar. Wenn ihr das Zu Hause zugestoßen wäre, wäre sie wahrscheinlich daran gestorben.

Und wie fand Ihre Mutter das, was Sie auf der Bühne gemacht haben?
Na ja, wie finden Mütter das? Sie war natürlich begeistert. Ich glaube nicht, dass sie das alles verstanden hat. Es war die Nach-Achtundsechziger-Zeit, und da ging es auf der Bühne schon etwas anders zu als in den fünfziger und sechziger Jahren. Die Ästhetik des Theaters hat sich doch Achtundsechzig auch im Osten, wenn Sie sich erinnern, sehr geändert. Und ich glaube, meine Mutter war zutiefst verwurzelt in den alten Vorstellungen von Theater.

Einar Schleefs Inszenierungen waren nicht ihr Ding.
Sie sagen es.

Haben Sie Geschwister?
Ich hatte einen Halbbruder.

Sie hatten?
Ja. Er war viel älter, stammte noch aus der ersten Ehe meines Vaters und ist schon lange tot. Ich bin als Einzelkind aufgewachsen, sonst hätte ich nicht so viel zu Essen gekriegt. Ich brauchte auch meine West-Schokolade mit niemandem zu teilen.

Warum haben Sie Schlagzeug gelernt?
Es waren die sechziger Jahre! Damals gehörte es sich so, dass man in einer Garagen-Band spielte.

Wie hieß die Formation?
The Village Men. Die gründeten sich unweit von Weimar, in Legefeld. Bei denen habe ich Schlagzeug gespielt und gesungen. Aber nur für eine kurze Zeit. Komischerweise hat mich die Schauspielerei beim Arbeitertheater mehr interessiert.

Ihre Musikerleidenschaft kommt immer wieder durch, selbst heute noch, wie man im Gasthof Taubach beim Kunstfest erleben konnte.
In meiner tiefsten Seele bin ich ein alter Rock’n’Roller geblieben. Von daher rührt auch meine Liebe zu Kani, der ist allerdings ein richtiges Weimarer Rock-Urgestein und hat nie etwas anderes gemacht. Ich bin meist dem Wort näher gewesen als dem Gebrüll.

Ein Musterschüler waren Sie sicher nicht.
Ich war immer in der Mitte. Als verhältnismäßig intelligenter Mensch habe ich, ohne sitzen zu bleiben, alle Schuljahre geschafft. Aber ich sage Ihnen ganz offen: Schule und alles, was damit zusammen hing, war nicht meine größte Leidenschaft.

Ich kann Sie mir auch schlecht als FDJ-Sekretär vorstellen...
Nein, ich durfte doch gar nicht in die FDJ!

Warum?
Weil mein Vater mal Kommunist gewesen war, Altkommunist. Er war Jahrgang 1897 und hatte zwei Weltkriege mitgemacht. Ich weiß, dass er 1946 beim Zusammenschluss von KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Probleme bekommen hatte. Da muss etwas mit ihm passiert sein. Ich weiß nicht was, da müsste ich mal in den Akten recherchieren. Jedenfalls war mein Vater dann nicht mehr in der Partei und steuerte einen Gegenkurs. Ich durfte mit Ach und Krach noch Junger Pionier werden. Aber FDJ kam nicht in Frage. Das wollte ich auch selber nicht. Ich bin lieber in die Christenlehre gegangen, das war ja immer der kleine Versuch von Opposition. Ich hatte dann Konfirmation und Jugendweihe hintereinander, weil meine Eltern fürchteten, ich könnte sonst ganz durchs Raster fallen. Mein Vater hatte auch das Verdikt ausgegeben: Ostfernsehen wird nicht geguckt! Das war bei uns zu Hause regelrecht verboten, in anderen Familien war das umgekehrt. Ich bin mit dem Westfernsehen großgezogen worden wie mit der Muttermilch. Schon dadurch stand ich vielem um mich herum ablehnend gegenüber. Alles was mit FDJ und DDR-Jugendbewegung zusammenhing, war nicht mein Ding, das hatte für mich keine Erotik. Es war nicht so sehr die Ideologie, die mich genervt hat, die hat mich gar nicht interessiert. Der Erotikmangel war mein Hauptproblem. Ich fand die Rolling Stones einfach geiler.

 

 


(aus: Hanoi – Berlin – Nha Trang. Vietnamesische Lebenslinien)

 

Nach einstündiger Fahrt, zuletzt über schmale Dämme und holprige Feldwege, stoppt der Bus. Wir steigen auf einer Böschung aus. Unten, wo sich das braune Band des Flusses windet, grast eine Wasserbüffelherde. Eine Büffelmutter hat mit ihrem Jungen in den Fluten Ab­küh­lung gesucht, man sieht nur die unterschiedlich großen Köpfe. Hinter dem Fluß steht wie eine undurchdringliche, dun­kel­grüne Wand der Dschun­gel. Wir sind am Ende der Welt. Von hier aus ge­langt man nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad ins Dorf. Während der Vater aus dem Bus ge­hoben wird, steige ich die Böschung hinunter, um die Büffel zu fotogra­fie­ren. Dabei komme ich offenbar dem Jungtier zu nahe. Schnaubend steigt die Büffelmutter aus dem Wasser und glotzt mich drohend an. Mit ei­nem langgezogenen Laut alar­miert sie die Herde, die plötzlich wie auf Kommando gegen mich vorrückt. Mir bleibt nur die Flucht. Eilig klettere ich den Steilhang wieder nach oben, wo sich die Zuschauer vor Lachen biegen. Wolltest Du dem Maler Cuong Konkurrenz machen? spottet Huong, dem ich mein kleines Büffelgemälde gezeigt habe. Noch vor Aufregung zitternd, klopfe ich mir den Sand von den Knien und schultere meine Fo­to­tasche. Die Kinder fassen mich bei den Händen und führen mich zur Hütte des Onkels.

Sung Anh, genannt der blinde Bruder, kommt uns die letzten Schritte ent­gegen - bar­fuß, mit nacktem, gleichmäßig gebräun­tem Oberkörper und buntgestreiften Shorts. Der Zweiundfünfzig­jährige ist sehr ma­ge­r; mit seiner starken Brille und den langen, glatten Haaren er­innert er an ei­nen Hippie, der in Vietnams Wäldern überdau­ert hat. Vor vierzehn Jahren hat Huong vergeblich versucht, den Halbbruder nach Nha Trang zurückzuholen. Seitdem haben auch Sung Anh und der Vater nicht mehr miteinander gesprochen. Huong ist es gelungen, die beiden wieder zusammenzubringen, wenigstens für den heutigen Tag. Aufgewühlt durch unseren Besuch, tappt Sung Anh zwischen Hütte und Garten hin und her. Für einen Moment ver­weilt er am Liegestuhl des unter dem Mangobaum ausruhenden Vaters. Die beiden wechseln ein paar Worte. Schon macht Sung Anh wieder kehrt, um bei den Frauen nach dem Rech­ten zu sehen. Lien heizt den Herd an. Bich und Ly sind mit Eimern zum Dorfbrunnen unterwegs. Inzwischen reinigt Dinh das Gemüse und zerteilt den Tinten­fisch. Sung Anh braucht ihr nicht zu zeigen, wo die Töpfe stehen. Sie kennt sich in der Hütte bestens aus. Dinh ist Sung Anhs Frau. Aber sie lebt schon lange nicht mehr hier bei ihrem Mann. Vor Jahren floh sie aus der Wildnis unter das Dach des Schwiegervaters in Nha Trang. An­laß für die überstürzte Flucht sollen Spielschulden gewesen sein. Dinh hatte sich wohl um Kopf und Kragen gespielt. Die Lage wurde so brenz­lig, daß sie für einige Zeit in Saigon untertauchen mußte. Vielleicht führt sie deshalb jetzt mit Lien ein Aschenputteldasein in Nha Trang. Mit ihrem Mann redet Dinh kein Wort. Die beiden tun so, als wären sie Luft füreinander. Nach ziellosem Hin und Her steht Sung Anh wieder vor der Hütte. Er holt sich seine aus einer Fahrradluft­pumpe gefertigte Wasserpfeife, zündet sie an und in­haliert hastig. Sung Anh war zwei Jahre alt, als der Vater ins KZ kam. Beim Wiedersehen war er über dreißig. Er ist daran zerbrochen, daß er sich dem Willen des Vaters gebeugt hat und aufs Land gezogen ist. Die Feldarbeit geht ihm schwer von der Hand. Sein Augenleiden hat sich über die Jahre verschlimmert. Erst lief ihm die Frau weg, dann die älteste Toch­ter. Seine drei Söhne schickte er zur Ausbildung nach Nha Trang; ei­ner wurde Kraft­fahrer, der andere lernt Schuster, der jüngste, Sáu, hat gerade die Schule be­endet. Zuletzt heiratete die jüngste Tochter und zog zu ihrem Mann ins Nachbardorf. Sung Anh blieb allein in seiner Hütte zurück.
Es kommt selten vor, daß die Kinder ihn besuchen. Sáu geht seinem Vater aus dem Weg, macht sich an den Gemüsebeeten nützlich. Die beiden anderen Söhne stehen wortkarg herum. Später taucht Sung Anhs jüngste Tochter mit ihrem Kind auf. Wenigstens wohnt die achtjährige Enkelin zeitweilig bei ihm. Das Mädchen holt Wasser, füttert die Tiere und hilft ihrem Großvater beim Kochen.
Wir setzen uns zu Sung Anh, der die Wasserpfeife beiseite stellt und uns durch seine starken Brillengläser anblinzelt. Die Pupillen sind unnatürlich geweitet. Hatte Huongs Vater nicht behauptet, die Mutter trüge die Schuld an dem Augenleiden? Der blinde Bruder schüttelt den Kopf. Es stimme zwar, daß er wegen seiner Seh­schwäche nicht zur Armee eingezogen wurde. Aber kurzsichtig sei er schon seit seiner Geburt. Es wird immer schlechter, klagt er. Manchmal erkenne ich nicht mal meine Kinder! Huong hat veranlaßt, daß sein Halbbruder kürzlich in Hanoi einem Spezialisten vorgestellt wurde. Doch als er sich nach dem Ergebnis der Untersuchung erkundigt, winkt Sung Anh ab. Die vietnamesischen Ärzte würden bloß ab­kassieren. Aber die extreme Kurzsichtigkeit, läßt Huong nicht locker, muß doch Ursachen haben. Sung Anh wartet noch immer auf den Befund. Vielleicht wollen die Ärzte nochmals Geld von ihm sehen.
Ich kann nicht mehr, stöhnt der blinde Bruder. Ich sehe nur noch Schatten!


Der Unglückliche haust ohne Wasser, Strom und Licht. Seine Hütte ist nicht nur baufällig, sondern auch die einzige im Dorf, die noch nicht ans Energienetz ange­schlossen wurde. Spontan ent­wickelt Huong den Plan, für Sung Anh ein neues Domizil zu er­richten. Ein schönes, komfortables Holzhaus, wie es ein paar Dut­zend Schritte entfernt auf dem Nachbargrundstück steht. Tanni ist von der Idee begeistert. Was ist, schauen wir es uns an? Wir müssen auf die Begleitung Sung Anhs verzichten, der sich vor den Nachbarn schämt. Das trockene, luftige Bretterhaus ist mit leuch­tend roten Dachziegeln gedeckt, hat einen sauberen Zementfußboden und duftet nach frisch gesägtem Holz. Es wird von einem jun­gen Ehepaar mit sei­nem zweijährigen Sohn und einem Schäferhund bewohnt. Der Hund hebt, als wir eintreten, vor Schläfrigkeit nicht einmal den Kopf. Dafür bekommt der Junge bei meinem Anblick einen Schrei­krampf. Of­fenbar hat er noch nie eine Langnase gesehen. Huongs Nichten lachen und nehmen, als seien sie hier ständig zu Gast, sofort die Hängematte in Beschlag.
Rund vierhundert Dollar, schätzt die Nachbarin. Reine Materi­alkosten. Beim Aufstellen könne ja die Familie mit an­packen.
Ein Häuschen für siebenhundert Mark! Huong kann es kaum fassen. Er läßt sich alle Details erklären und jeden Kostenpunkt erläutern. Hinter ihm schaukeln die Mädchen so heftig, daß die Dachbalken zittern. Beim Mittagessen in Sung Anhs Bretterbude ruht der Plan. Wir sitzen auf dem nackten Sandboden, die Hühnerkno­chen werden an die Seite ge­spuckt. Im Nu bilden sich Ameisenstraßen. Der Wind wirbelt Staub durch alle Ritzen. Abwechselnd stecken zwei Hunde ihre Schnauzen durch die einander gegenüberliegenden Türöffnungen. Ein Küken rennt über die als Tischdecke ausgebreiteten Reissäcke und wird hinausge­scheucht. Weil der Platz am Boden nicht aus­reicht, sitzen die Kin­der und die jungen Frauen während der Mahlzeit auf dem flachen, aus Holzkisten gezimmerten Schrank. Wie die Hühner auf der Stange! Gekicher, als Huong meine Bemerkung übersetzt. Darauf Bich, die Ameri­kanerin: Drei von uns sind schon vom Hahn getreten, eine wartet noch dar­auf.

Die Verheirateten lachen schallend. Ly bekommt einen roten Kopf.
Während der Vater im Schatten des selbst gepflanzten Mangobaumes sein Mittagsschläfchen hält, suchen wir nach Abkühlung. Die Enkeltochter des blinden Bruders kennt eine Badestelle im Fluß. Wir folgen der Kleinen durchs Dorf. Hier gibt es weder Mauern noch Zäune, dafür blühende Kakteenhecken, und die winzigen Hütten und Häuser sind zusätzlich durch Bäume und Büsche voneinander abge­schirmt. Eine Lebensmittelbude lockt mit meterhoher Coca-Cola-Reklame. Auf der Bank davor schläft eine Katze ohne Schwanz. Zwei Männer kommen uns im Gänsemarsch entgegen, über der Schulter eine Stange, an der die Beute baumelt: ein halbes Dutzend erlegter Bambusrat­ten. Am Dorfende weichen die Bäume zurück und geben den Blick auf winzige, schachbrettartig angelegte Reisfelder frei. Dahinter wächst das Zuckerrohr. Als wir uns dem Fluß nähern, schreit Huong plötzlich auf, als hätte ihn eine Schlange gebissen. Zum Glück haben seine nackten Fußsohlen nur den glü­hend heißen Sand berührt. Der Fluß hat an einer Windung zwischen Felssteinen und Weidenbüschen eine flache, etwa zwanzig Meter breite Mulde ausgespült. Kaum tummeln wir uns im klaren, kalten Naß, stoßen überraschend die Frauen hinzu. Dinh, Bich und Ly geben sich, ohne ihre Kleidung abzulegen, der seichten Strömung hin. Die aufgeplusterten Blusen treiben wie große bunte Blumen auf dem Wasser und kleben beim Hinausgehen durchsichtig am Körper.
Nach dem Bade versammeln sich die Erwachsenen in Sung Anhs Garten. Der Familienrat tagt. Ich wundere mich, warum die im Halbkreis um den Liegestuhl des Vaters angeordneten Hocker auf die Seite gekippt werden. Damit kein Familienmitglied das Ober­haupt überragt. Der Vater eröffnet die Runde, der alle anwesenden Halbge­schwister Huongs sowie die beiden ältesten Söhne des blinden Bruders an­gehören. Danach spricht Huong. Er sehe mit Bestürzung, wie der Bruder hier mit seiner Enkeltochter hause. Die Hütte sei alt und nicht mehr wetterfest. Außerdem fehlten der Fußboden, die Fenster un­d es gebe nicht mal Strom. Deshalb hätte er, Huong, sich entschlossen, den Bau ei­nes neuen Holzhauses für den Bruder zu finanzieren. Sung Anh fällt ihm erregt ins Wort. Es wäre ver­gebliche Mühe, er sei zu nichts mehr nütze. Zumal ihn die Frau im Stich gelassen habe und die Söhne sich nicht um ihren Vater küm­merten...
Dein Bruder Huong hat einen großzügigen Vorschlag gemacht, und du flüchtest dich in Selbstmitleid, wird Sung Anh vom Vater zurechtgewiesen.  Sung Anh verlangt nach seiner Wasserpfeife und setzt sie umständlich in Gang. Nein, murmelt er und bläst nervös den Rauch durch die Nase. Aber Huongs Plan wird vom Vater gutgeheißen und von Gai unterstützt. Alle Famili­enmitglieder versprechen, beim Hausbau mit zuzupacken. Niemals, bleibt Sung Anh starrköpfig, niemals könne er dieses Geschenk annehmen. Der Familienrat geht ohne endgültige Entscheidung auseinander, doch der Vater zeigt sich mit dem Ergebnis zufrieden. Ich erkundige mich bei Huong, was ein Stromanschluß für das neue Holzhaus kostet. Etwa 700000 Dong oder umgerechnet siebzig Dollar. Ich würde, schlage ich vor, gern die Kosten für den Hausanschluß übernehmen. Prima. Dann werde ich noch ein­mal mit mei­nem Halbbruder re­den. Zum Abschied schenkt Huong dem überrumpelten Sung Anh zwei neue Oberhemden. Er würde, besagt die Geste, sein letztes Hemd für ihn hergeben. Der Beschenkte wendet sich schluchzend ab. Mein Vater möchte gern seinen Fehler wieder gutmachen. Ich sehe doch, wie er mit Sung Anh leidet, erklärt mir Huong auf dem Rückweg zum Bus. Die Wei­gerung des blinden Bruders, das neue Holzhaus zu akzeptie­ren, sei nichts anderes als eine Form späten Protestes. Ich fürchte, ich muß wegen der ausstehenden Befunde auch noch mal mit den Ärzten reden. Glaubst du, daß Dinh mit Sung Anh in das neue Haus einziehen wird? frage ich. Dinh? Nein. Aber man muß doch wenigstens meinem Bruder hel­fen.

 

Am eignen Leibchen
(aus: Dinge, die wir vermissen werden)

Eigentlich hatte ich eine glückliche Kindheit. Ausgenommen jene Momente, in denen ich – im Alter von zwei oder drei Jahren – für den Wochenend-Familienausflug ausstaffiert, um nicht zu sagen: präpariert wurde. Wir wohnten in Halle an der Saale und fuhren jeden Sonnabend zu meinen Großeltern aufs Heidedorf. Der Weg führte über die Chemie- und Braunkohlenstadt Bitterfeld. Die Ankleideprozedur fand daheim auf der Küchenbank statt und dauerte eine halbe Stunde, die ich halb stehend, halb sitzend über mich ergehen ließ; wenn ich daran zurückdenke, sträubt sich mir das Fell. Die Schuld lag nicht bei meinen Eltern allein. Der Krieg war zwar vorbei, doch die Versorgungslage im Osten blieb angespannt. Vor allem hatte man hier die hautverträgliche Strumpfhose noch nicht erfunden. Ich bekam die Not in Form zweier Kratzstrümpfe zu spüren, die meine Großmutter aus einem aufgetroddelten Pullover gestrickt hatte. Sobald die Strümpfe über meine Füße gerollt wurden, bekam ich Hautausschlag – was man jedoch erst sah, wenn ich sie wieder ausziehen durfte. Doch damit der Leiden nicht genug: Weil die wollenen Folterröhren nicht von selbst oben blieben, wurden sie an einem anderen Wäschestück befestigt, das mir Brust und Bauch einzwängte und auf dem Rücken zugeknöpft wurde. Da ein solches sogenanntes Leibchen heute in leicht abgewandelter Form nur noch in Beate-Uhse-Shops erhältlich ist, setze ich es auf die Liste der von Vermottung bedrohten Kleidungsstücke. Mein Leibchen war gerippt und sah lustig aus, doch in Wahrheit handelte es sich um ein Büßerhemd mit herabbaumelnden Strumpfhaltern. An diese wurden die braunen Strümpfe geknüpft, das heißt das jeweilige Strumpfende wurde zwischen Knopf und Drahtlasche geklemmt. Komplettiert wurde meine Wochenend-Ausflugsgarnitur durch eine weiße Strickjacke und eine ebenso weiße Schildmütze mit Kinnband. Wie gesagt, die Fahrt ging von Halle nach Bitterfeld, und spätestens an der ersten Bitterfelder Bordsteinkante stolperte ich und paßte mich farblich der ruß- und kohlenstaubgeschwängerten Umgebung an. Die ersten Stürze waren noch Ungeschick und hatten nur Ermahnungen oder eine Ohrfeige zur Folge. Doch da schmutzige Strümpfchen, Jäckchen und Mützchen nach der Ankunft rasch gegen einen viel angenehmer zu tragenden, an den Ellenbogen und Knien herrlich ausgebeulten schwarzen Trainingsanzug ausgetauscht wurden, lernte ich schnell und rettete mich in die Fallsucht. Diese sorgte dafür, daß ich bei nächster Gelegenheit bereits auf der Bitterfelder Bahnhofstreppe und beim übernächsten Mal schon auf dem Bahnsteig hinschlug. Um zu verhindern, daß ich aus dem haltenden Zug fiel, wurde ich künftig von meinem Vater aus dem Waggon gehoben und bis zur Bushaltestelle getragen, wo es mir endlich in einem unbeobachteten Moment gelang, über meine eigenen Füße zu stolpern. Am Wochenende darauf stolperte ich bereits auf dem Hallenser Hauptbahnhof, dann vor der Hallenser Straßenbahn, schließlich schon auf dem Bürgersteig vor unserem Haus in der Freiimfelder Straße. Meine Eltern überlegten, ob sie mich überhaupt noch mit zu den Großeltern nehmen konnten. Schließlich gaben sie nach und erlaubten mir, gleich im Trainingsanzug zu reisen. Von jenem Tage an gab ich mir alle Mühe, den aufrechten Gang zu trainieren. Freilich bin ich dabei noch öfter gestrauchelt.

Leibchen, das: miederartiges Kleidungsstück für Kinder, an dem Strumpfhalter befestigt sind
Strumpfhalter, der: paarweise für jedes Bein an einem Hüfthalter o. Ä. angebrachtes (breites) Gummiband mit kleiner Schließe zum Befestigen der Strümpfe

 

Du mußt den Hörer anders herum halten, Mutter!
(aus: Begegnung mit einer Prinzessin)

Abends hören wir Mutter die Treppe zum Wohnzimmer im Dachgeschoss heraufkeuchen. Sie zieht sich, Stufe um Stufe, mühsam am Geländer hoch und bleibt nach ihrem Eintreten noch eine Weile an der Tür stehen. Sobald sich ihr rasselnder Atem beruhigt hat, setzt sie sich, den linken Arm auf die Tischplatte gestützt, auf ihren Platz im spitzen Winkel zum Fernseher und guckt in ferne, fremde Länder. Ihr Leben lang ist sie kaum über die Grenzen des Landkreises Bitterfeld hinausgekommen. Sie hat große Mühe, die Lautsprecherstimmen zu verstehen. Irgendwann gibt sie es auf, bleibt aber sitzen und schaut stumm auf die wechselnden, lebendigen Bilder. Fernsehen und Telefon waren Mutter nicht geheuer. Doch im Gegensatz zum Kochen mit Propangas, wovor sie eine Heidenangst hatte, gewöhnte sie sich ans Telefonieren. Beim ersten Mal hielt sie den Hörer falsch herum. Du musst da reinsprechen, Mutter! Mutter wirkte am Telefon gehemmt und sprach sehr leise, und wenn sie in die Leitung lauschte, kniff sie vor Anstrengung die Augen zusammen. Das Fernsprechen funktionierte nach dem Prinzip des Rundfunkempfängers auf dem Küchenschrank, wie genau, das konnte sowieso niemand erklären. Von ihrem Fenster aus hatte Mutter zugeschaut, wie die Telegrafenleitung ins Dorf verlegt wurde; die Männer hatten Drähte von Mast zu Mast und über die Straße bis an die Dachfirste einiger Häuser gespannt, sehr zum Vergnügen der Schwalben und Spatzen. M. war nun mit der Welt verbunden, doch nur eine Handvoll Leute genoss das Privileg, angerufen zu werden. Die Postfrau, der Bürgermeister, der Pfarrer, der Schuldirektor, die Gemeindeschwester und der Kommandierende der Freiwilligen Feuerwehr gehörten dazu. Auch die beiden Gastwirte, der Konsumleiter und Familie Zunder, die den kleinen Lebensmittelladen auf der anderen Straßenseite betrieb, waren mit einem eigenen Telefonanschluss bedacht worden. Zunders hatten nichts dagegen, dass meine Großeltern zu ihnen kamen, wenn sie mal bei uns anrufen wollten. Anders herum war die Sache komplizierter. Zunächst schrieb mein Vater einen Brief, in dem er Tag und Uhrzeit des Ferngesprächs ankündigte. In dringlichen Fällen schickte er ein Telegramm. Zum festgelegten Zeitpunkt, meistens jedoch schon eine Viertelstunde früher, standen die Großeltern bei Zunders im Hinterstübchen des Ladens vor dem schwarzen Apparat mit der Wählscheibe. Ich erinnere mich, wie wir Mutter von Moskau aus telefonisch zum 85. Geburtstag gratulierten. An jenem 21. Dezember 1964 wartete sie mit bei Zunders, dass das Telefon klingelte.
Wir rufen jetzt die Mutter an, verkündete Vater. Zuerst sprach er russisch, um ein Gespräch in die DDR anzumelden. Dann wurde er plötzlich nervös, weil er den Zettel mit der Telefonnummer nicht fand. Vater verlangte das Lebensmittelgeschäft Zunder in M., Kreis Bitterfeld, Bezirk Halle. Während das Fräulein vom Amt im Telefonbuch suchte, brach die Verbindung ab. Beim zweiten Versuch meldete sich ein anderes Fräulein. Z-u-n-d-e-r, buchstabierte Vater und musste, weil die Verständigung schlecht war, alles mehrmals wiederholen. Doch, rief er ungehalten, den Ort gibt es! Er sei schließlich dort zur Welt gekommen. Gleich darauf entschuldigte er sich, es könne natürlich auch sein, dass der Anschluss unter Bitterfeld eingetragen ist. Endlich wurde das Gespräch durchgestellt, doch am anderen Ende der Leitung meldete sich nicht wie erwartet Frau Zunder, sondern ein Herr Zander aus Pouch. Im dritten oder vierten Anlauf klappte es doch noch, und Vater hatte tatsächlich Verkaufsstellenleiterin Elli Zunder am Apparat. Obwohl er schon als Kind im Kolonialwarengeschäft Zunder eingekauft hatte und mit dem älteren der Zunderjungen zur Schule gegangen war, behielt er den förmlichen Ton bei. Er hätte gern mal seinen Vater gesprochen, wenn dies möglich wär. Es war möglich, denn Großvater wartete seit mindestens einer halben Stunde ungeduldig neben Frau Zunder. Nach kurzer Begrüßung und ausgiebigem Austausch über die Wetterlage wünschte Vater endlich, das Geburtstagskind zu sprechen. Er stand, mit dem Rücken zu uns, steif über den Apparat gebeugt, und seine Stimme wurde lauter, weil Mutter schwerhörig war. Alles Gute zum Geburtstag, Mutter! schrie er. Wie geht’s? Eine Weile lauschte er konzentriert und fragte dann: Was gab’s denn heute zu Mittag? Speckkuchen? Na, das hast du dir doch gewünscht …!
Mein Bruder und ich begannen nervös mit den Füßen auf den Dielen zu scharren, bis sich Vater zu uns herumdrehte und die Hand hob. Warte mal, Mutter, deine Urenkel wollen noch mit dir sprechen …
Alle familiären Fragen waren abgehandelt, uns blieb nur, von unseren schulischen Aktivitäten zu berichten. Er sei jetzt Wandzeitungsredakteur und arbeite im Astronomiezirkel mit, krächzte mein Bruder. Lauter, wurde er von Vater ermahnt, sprich lauter, Junge! Mein Bruder verstummte und reichte den Hörer an mich weiter. Ich presste die Muschel ans Ohr und wusste vor Aufregung nicht mehr, was ich hatte sagen wollen. Hallo! brüllte ich. Hallo, Mutter! Ist der Speckkuchen schon alle?

 

Operation Bánh Chung - Alle werden da sein
(aus: Hanoi, meine Liebe. Vietnamesische Lebenslinien II)

Ich gehe barfuß über den geschrubbten Hof, dessen Platten von der Sonne noch warm sind. Der Sternfruchtbaum wölbt schützend sein Blätterdach über mich, in den Rabatten leuchten die frisch gepflanzten Gerbera. Blütenpollen schweben in der Luft. Wenn die erdrückend kahlen, grauen Häuserwände nicht wären, die das kleine Areal wie eine Gefängnismauer umschließen, könnte ich mich an Mutter Les Familienfestung gewöhnen. Zumal das Hoftor heute, am letzten Abend des Mondjahres, einladend offen steht. Wir feiern einen frühlingshaften, für europäische Verhältnisse sommerlichen Jahreswechsel mit himmlischen Erfrischungseinlagen. Kaum ist die Festtafel im Freien aufgestellt und das Tischtuch aufgelegt, setzt warmer Nieselregen ein. Kurzerhand rücken wir den Tisch unter das Vordach des Hauseingangs, so sitzen wenigstens die Frauen im Trocknen. Ein Halogenstrahler wirft sein gleißendes Licht in die Runde und sorgt für Schattentheater. Als der 2000-Watt-Wok angeschlossen wird, gibt es einen dumpfen Knall, und alles versinkt in Finsternis. „Minututschku“, höre ich den Moskauer Bruder sagen. Hau lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, tappt ins Haus und kehrt mit einer Taschenlampe zurück. Es ist nur die Sicherung. Sie wird notdürftig mit einem Stück Draht überbrückt. Nach und nach finden sich die übrigen Familienmitglieder ein, und jeder bringt noch etwas mit. Hang hat eine Flasche französischen Rotwein dabei. Hau spendiert einen Karton Saigoner Büchsenbier.Ich stelle zwei Flaschen Rotkäppchensekt auf den Tisch. Der Regen hat wieder aufgehört. Aus dem Fenster des Ha-Hauses wird der Kessel mit der Suppe und in einer Schüssel der unzerteilt gekochte Hahn gereicht.  Wir müssen auf Hai warten, die noch auf dem Weg zu uns ist. Müde und abgehetzt, schiebt sie ihr Moped durchs Tor. Ihre lockere Frisur hat unterm Helm gelitten. Ich registriere die dunklen Augenringe, doch um ihren Mund spielt ein zufriedenes Lächeln.  „Ist die Doktorarbeit fertig?“ „Fertig geschrieben, ja.“ Weil die diplomierte Bankerin ihre Dissertation unbedingt noch im alten Jahr abgeben wollte, hat sie die Nacht durchgemacht. Morgens gegen fünf, erzählt Hai, ging ihr beim Ausdrucken der Seiten die Tinte aus. Sie musste telefonisch einen ihrer Studenten wecken, der eine frische Patrone brachte. Inzwischen sei das Manuskript beim Professor, der es über die Feiertage lesen wolle. Wenn alles gut geht, wird Hai im neuen Jahr als Dritte der Nguyen-Familie den Doktortitel erwerben, nach ihren Brüdern Huong und Hau, die in Jena beziehungsweise in Moskau promoviert haben. „Auf Dr. Nguyen Van Hong Hai“, sage ich und hebe meinen mit Wein gefüllten Becher.
„Not Van! Thi Hong Hai“, werde ich unter schallendem Gelächter korrigiert. „I’m a woman!“ Wir stoßen mit unseren Pappbechern auf die künftige Doktorfrau an.

Die Tetfeier ist eröffnet. Der Malerbruder hat traditionell gekocht. Obwohl ich hungrig bin, schaffe ich von seiner viel gelobten heißen, sämigen Suppe, in der fette Fleischbrocken schwimmen, nur ein paar Löffel. Ähnlich ergeht es mir mit dem Hahn, dessen Fleisch zäh und zwischen den Sehnen noch roh ist. „An di!“ ermuntert mich die kleine Kim und nagt mit großem Appetit an ihrer Hähnchenkralle. Hau nimmt sich den kammgeschmückten Kopf vor. Schon beim Zuschauen schüttelt es mich. Verwöhnter Wessi! Bisher hat es dir hier immer gemundet, meistens viel zu gut... Es tröstet mich, dass auch Ngoc, die ihr Magenleiden pünktlich zum Fest auskuriert hat, Has Suppe verschmäht. Um nicht unhöflich zu erscheinen, nehme ich mir eine große Portion von dem rötlichen Klebreis, koste die dicken Bohnen und warte, bis der Karpfen im Wok gar ist. Der Fisch schmeckt vorzüglich, ist aber voller Gräten.
Ein großes lung tung herrscht bei den Getränken. Wir schütten erst Bia Hanoi, dann den Bordeaux von Hang in uns hinein. Als Bier und Rotwein alle sind, fährt Hau seine russische Troika auf: ein kleines Holzfass auf einem Schlitten, gezogen von drei hölzernen Pferden. Zum Glück enthält das Zweiliterfass keinen Wodka, sondern italienischen Tischwein. „Auf Vietnam! Auf die Familie!“ Mir wird ganz feierlich zumute: Muss ich jetzt als Huongs Stellvertreter eine Rede halten? Ich schaue in das runzlige Gesicht der Familienältesten, die an der Stirnseite der Tafel neben dem Mandarinbäumchen thront. Mutter Le hat sich in Schale geworfen, nur ihre braune Adidas-Wollmütze will nicht zu der weißen Bluse und dem kostbaren Halsschmuck passen. Wie viele Jahreswechsel mag sie hier, auf diesem Hof, schon erlebt haben, in Kriegs- und in Friedenszeiten? Als nicht mehr ganz junge Frau ist sie mit Huongs Vater von Zentralvietnam nach Hanoi gekommen. Sie hat Ho Chi Minhs Schwester persönlich gekannt. Während des Krieges hat sie ihre Kinder zu fremden Bauern aufs Land geschickt und im Erdloch neben der Hütte den amerikanischen Bombenangriffen getrotzt… Erinnerungen, die mit jedem Jahr verblassen und eines Tages verlöschen werden. Am anderen Tafelende sitzen unter den Pfirsichblütenknospen die zwischen 1988 und 1998 geborenen, nach neuestem Schick gekleideten Enkel.


Zwei Stunden vor Mitternacht klingelt das Festnetztelefon. Huong meldet sich aus Berlin, um uns ein gesundes neues Jahr zu wünschen. Er spricht zuerst mit seiner Mutter. Dann wandert der Hörer von einem Ohr zum nächsten und langt schließlich bei mir an. „Hallo!“ höre ich seine leicht kehlige Stimme. „Was machst du? Lässt du dich auch richtig verwöhnen?“ Er rufe deshalb so früh an, weil nachher, wenn alle Auslandsvietnamesen in die Heimat telefonieren, wieder das Telefonnetz zusammenbricht. Da die Verbindung über eine Billigvorwahl im Internet geht, hallen unsere Sätze nach, und ich muss nach jeder Erwiderung eine Sekunde warten, damit wir uns nicht ins Wort fallen. Wo er in Deutschland das Tetfest feiert, will ich wissen.
Er sei mit seiner Frau zu Hause und habe vietnamesisch gekocht. Punkt zwölf, also sechs Uhr Mitteleuropäischer Zeit, werden sie mit Thao Ly, ihrem Dschungelkind, anstoßen. Danach will Huong in Berlin-Lichtenberg eine vietnamesische Familie besuchen. „Als erster Gast im neuen Jahr“, vermute ich.
„Genau. Sie laden mich jedes Jahr ein, offenbar bringe ich ihnen Glück.“ „Hoffentlich hast du auch an druckfrische Banknoten gedacht.“
Huong lacht. „Du weißt ja gut Bescheid.“ Leider habe er es nicht mehr rechtzeitig zur Bank geschafft. „Aber das regeln wir anders. Tanni hat gebrauchte Euroscheine für mich aufgebügelt. Ja, mit dem Bügeleisen. Die Banknoten müssen nicht neu sein. Es genügt, wenn sie glatt sind und wie neu aussehen... Und wie geht es euch?“ „Uns geht’s prima. Gutes Essen, viel Bia Hanoi, keine Zwischenfälle“, erwidere ich. „Ach doch, deine Mutter hat vorhin den kleinen Duy versohlt, weil er in ihrem Schuppen war. Phúc Dan hatte ihn darin eingesperrt, doch der war clever und ist rechtzeitig abgehauen.“ „Meine Mutter erwischt immer den Falschen“, seufzt Huong. Früher habe er für die Streiche seiner kleinen Geschwister büßen müssen. „Es war nur Spaß“, beruhige ich ihn. „Allerdings steht Phúc Dan noch auf dem Balkon und traut sich nicht runter.“ „Trotzdem, ich verstehe nicht, warum meine Mutter immer gleich vor Wut in die Luft gehen muss! Es sind doch ihre Enkelkinder... Na ja. Also dann, guten Rutsch! Und komm gesund zurück!“ „Aber ja“, sage ich, „grüß Tanni von mir. Und auf Wiedersehen im Jahr des Schweins.“ Kaum habe ich aufgelegt, hält mir Hau eine schöne, sechseckig geformte Flasche unter die Nase. „Chotschesch?“ Ich rieche Pflaumenschnaps. Die Flasche Slivowitz hat ihm eine Delegation aus Prag geschenkt. Wir trinken den tschechischen Pflaumenschnaps aus schweren russischen Kristallgläsern, und der Moskauer Bruder erzählt Anekdoten von seinen Vortragsreisen, die ihn durchs ganze Land führen: Saigon, Da Nang, Than Hoa, Ho-Chi-Minh-City… Tagungen, Konferenzen, Schulungen, Meetings am laufenden Band, und Ngoc mit Söhnchen Phúc Dan allein zu Haus. „Nje choroscho“, gibt Hau mit gerunzelter Stirn zu und schenkt nach. Der Sonnyboy der Familie ist fülliger und im Gesicht ein wenig schwammig geworden. Das Kaderleben hinterlässt seine Spuren. Vom anderen Hofende schallt fröhliches Gelächter herüber. Die Jugend trinkt Fanta und feiert unter sich. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es an der Zeit ist, die präparierten roten Briefumschläge zu holen. Auf dem Weg in mein Zimmer höre ich im Treppenhaus ein vertrautes Schnalzen. Mein Gecko wieselt an der Wand entlang, verharrt schräg über dem Absatz und starrt mich an. Der kleine, gesprenkelte Kletterkünstler kennt keine Furcht, wie ein Hündchen folgt er mir durchs Haus. Ich steige die letzten Stufen hinauf. „Prosit Neujahr“, flüstere ich und wehre mich gegen den Gedanken, dass es Lan sein könnte, die sich für meinen Besuch am Grab bedanken will. Alle würden heute hier sein, hatte Hai verkündet. Ich schüttele mich. Ist es der Alkohol, der mir zu Kopf steigt, oder benebelt der Weihrauch, der schon den ganzen Tag dem Altar in der Dachkammer entströmt, mein Gehirn?

Wieder im Hof, verteile ich die Neujahrsgaben an die Kinder und bin perplex, als auch ich ein Geschenk bekomme – von Mutter Le! In dem Umschlag stecken zwei Hunderttausend-Dong-Scheine. Ich verbeuge mich ehrerbietig, und Hai knufft mich in die Seite. „You must give her a present back“, flüstert sie. Ich eile nochmals auf mein Zimmer. Als wir mit dem Sekt anstoßen, ist auch Phúc Dan mit von der Partie. Der Hasenfuß hat die Fluchtburg verlassen und wedelt glücklich mit seinen Euro-Scheinen. Ich gehe mit dem Becher in der Hand um den Tisch herum. Wir wünschen einander Glück, Gesundheit und ein langes Leben. Wieso denn zum Tetfest nicht gesungen wird, frage ich. Alle schauen mich an.
„Ja“, sage ich, „singt ihr etwa nur, wenn ihr mit euren Halbgeschwistern im Süden zusammen seid?“ Zögernd hebt Ha zu einer Volksweise an, in die alle, selbst die Jüngsten, einstimmen. Die anfängliche Verlegenheit löst sich in Luft auf, plötzlich hat jeder ein Lieblingslied parat. Kim trägt kichernd ein vietnamesisches Pionierlied vor. Ngoc und Hang singen „Jingle Bells“, Phúc Dan schmettert einen Popsong. Als die Stimmung ihrem Höhepunkt zustrebt, tritt plötzlich der kleine Duy in Aktion. Zunächst imitiert der Neunjährige mit Hau eine bekannte Fernsehshow. Dann beginnen die beiden wie echte Volkssänger zu improvisieren. „Meine Oma verkauft den Nachbarn Zeitschriften und Kondome“, rappt Duy und wiegt sich dazu im Rhythmus, „und du, Onkel, was tust du?“ Beifall und Gelächter. Hau reagiert wortgewandt, muss sich aber sogleich der nächsten Attacke stellen: „He, Onkelchen, du fährst die teuersten Motorroller der Marke Yamara, aber kannst du, aber kannst du, aber kannst du überhaupt auf einem Drahtesel reiten?“ Jetzt schüttelt sich sogar die Großmutter vor Lachen. Von der Familie angestachelt, steigert sich Duy immer mehr in seine Rolle hinein; er sprüht vor Eifer, seine Ohren glühen, und der Verlust der Mutter scheint für Augenblicke vergessen. „In der Nacht schließt meine Oma bei uns alle Hof-, Haus- und Kühlschranktüren ab“, rappt Duy. „Damit wir ruhig schlafen können, lässt sie den schwarzen, scharfen Hund heraus. Und du, Onkel, du-du-du, he, Onkelchen! Du schnarchst dazu!“ Johlen, Schenkelklatschen und kräftiges Getrampel. Der Onkel hebt resignierend die Hände und gibt sich seinem Neffen geschlagen.
Es ist gleich elf. Hau versucht, die Troika mit zwei Weinflaschen neu zu betanken. Die leicht beschwipsten Schwestern rüsten zur Abfahrt, wollen pünktlich am Hausaltar sein. Hai setzt ihren Mopedhelm auf und nimmt mich beiseite, sie hat ihren Vorsatz geändert. Wenn ich nicht zu müde sei, könne ich mit den Kindern nachkommen. „Das bringt doch Unglück“, werfe ich ein. „Denk an dein Horoskop!“ Die Zauberin lächelt. Dies habe sie mit ihren Göttern geklärt. Allerdings müsste ich mich sputen, um noch vor Mitternacht einzutreffen. Dann sei ich ja nicht der erste Gast im neuen, sondern der letzte Gast im alten Jahr. „Gast oder Geist?“ Als Gast wär ich ihr lieber.

 

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